Mittwoch, 05.11.2008
Rekonstruktionen
Bevor ich mich ins Studio setze und auf Sendung gehe, stelle ich mich für mindestens eine halbe Stunde vor den Spiegel und rede mir ein, ich wäre nicht vollkommen nutzlos, vergessen und einsam angesichts des derzeitigen Zustandes der Erde. Ich rede mir ein, dass ich ein Mensch mit einem Geist bin, nicht nur ein Haufen Moleküle, die sich bereits in aller Freundschaft voneinander zu lösen begonnen haben. Ich versuche, mich davon zu überzeugen, noch immer einen Anspruch auf das Handvoll Leben zu haben, das in mir pulsiert. Als einer der letzten Menschen der Welt ertappt man sich ständig dabei, diejenigen zu beneiden, die bereits vorausgeeilt sind, man möchte am liebsten in ihrem Kielwasser nachtreiben. Wahrscheinlich haben sie es jetzt warm und gemütlich, sind rein und ausgeglichen wie Nebelwolken. Es kann natürlich sein, dass sie nicht mehr existieren, dass sie sich aufgelöst haben und als schwarze Asche auf die Straßen, auf die leeren Häuser, auf die Tierkadaver, auf mich herabregnen. Was auch immer – sie müssen nicht mehr tagtäglich um ihr Überleben kämpfen, sie versuchen nicht, ein kleines Licht am Flackern zu halten, einen Beweis dafür, dass ehemals Menschen auf diesem Planeten gelebt haben, aufrecht zu erhalten… Warum mache ich all das? Warum wühle ich jeden Tag, oder jede Nacht, was weiß ich, wo die Sonne doch weg ist, warum wühle ich in fremden Aufzeichnungen, in Schrotthaufen, in Dingen, die zu Klumpen geschmolzen in den Ruinen liegen, stets hoffend, etwas Menschliches zu finden? Meine kleine Laterne ekelt sich schon seit langem vor den Ergebnissen, doch ich zwinge sie weiterhin, ihr fahles Licht in das Chaos zu streuen, um mir bei der Rekonstruierung behilflich zu sein. Die Rekonstruierung einer Spezies, die an ihrer eigenen Dummheit erstickt ist.
Ich habe Vieles gefunden, das Meiste so banal, so vergänglich. Liebesbriefe, Klageschriften, Tagebucheinträge, die sinnlose Tagesabläufe aufzeichnen und nun so überaus lächerlich scheinen. „Es ist vorbei“, möchte ich zornig dem Papier entgegenschreien, „es ist zu Ende! All das ist nicht mehr von Belang, ihr seid alle tot! Ihr habt euch vernichtet, eure Liebsten werden die Briefe nicht mehr lesen können, eurem Nachbar ist es völlig egal, ob sein Zaun zu weit auf euer Grundstück ragt, und die Tatsache, dass ihr euch einen Zweitwagen geleistet habt, lässt euch nicht von den Toten auferstehen …“ Es ist vorbei, und es ist niemand da, der mein Geschrei hören könnte. Also genug davon. Immerhin habe ich ein paar interessante Notizen herausfischen können, zu denen ich mir Kommentare nicht verkneifen konnte, und ich möchte sie natürlich mit Ihnen teilen. Mit Ihnen, meine pulverisierten Zuhörer. Meine Ex-Mitmenschen. Meine treuen Aschehäufchen …
Der Schönste aller Sätze – Graffiti auf einer Garage:
“If I knew the sense of my existence, I would change some little things in my life.”
Eine Wenn-dann-Klausel, die von Anfang an unerfüllbar ist. Hoffentlich ist der Mensch, der das schrieb, nun nicht all zu traurig darüber, dass er nie etwas geändert hat …
Aus einem zerfetzen „Lebensratgeber“:
„Das Leben ist zu kurz, die Zeit zu knapp, so verschwende sie nicht, sondern lebe. Lebe wie du bist, tue was du willst, und achte jeden Menschen und die Umwelt.“
Wenigstens etwas, das mich zum Lachen gebracht hat. Wie lange habe ich nicht mehr gelacht …
Das einzig Lesbare, das von allen Bibeln weit und breit aufzufinden war:
„WAS DER GOTTLOSE FÜRCHTET, DAS WIRD IHM BEGEGNEN; UND WAS DIE GERECHTEN BEGEHREN, WIRD IHNEN GEGEBEN.“
Himmel und Hölle auf Erden … ob die „Gerechten“ solch ein Ende wollten?
Aus einem Brief, entwendet aus einem zerschlissenen Briefkasten:
„…weißt du, es ist einfacher, für dich zu sterben als für dich zu leben ...“
Ein Abschiedsbrief womöglich? Wenn nicht – war das wohl ernst gemeint?
Habe das auf der Rückseite einer CD-Hülle gefunden – ein Songtext vermutlich …
if you want me to be sweet
and clever
you have to rebuild me
if you want me nice
and beautiful
paint me
if you want me laughing
just tickle me
d'you want me caring?
explain it to me
and tell me the meaning
of all this
i don't want you to be anything
i let you be
so why do you
ask?
what are you asking for?
what are you waiting for
just kick me out
of your life
perhaps i just
don't care
Wie nachlässig die Menschen doch mit den Beziehungen zu anderen umgehen … umgegangen sind.
Noch besser ist der folgende Auszug aus einem Kindertagebuch:
„Meine Schwester, die gerade zum Kieferorthopäden muß und sich warm anziehen muß, weil es draußen kalt ist, tobt wiedermal herum und faucht wie ein Tiger oder irgendein anderes Raubtier. Wahrscheinlich will sie wiedermal die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, damit alle sie bemitleiden können, denn sie "haßt" zu viele Kleidung. Da kann ich nur lachen, denn für solche Kleinigkeiten gebe ich meine Ruhe nicht auf. Lieber immer lässig und gelassen, als rumhüpfen und Blödsinn schreien.“
Ich musste mich unwillkürlich fragen, ob das wohl die letzten Gedanken dieser Person gewesen sind …
Und Hoffnung … sie alle hofften auf irgendwas. Hoffentlich hoffentlich hoffentlich:
„ich hoffe, ich kann meiner familie je das zurückgeben was sie mir gegeben hat. ich hoffe, ich meine es ehrlich. hoffe ich spiele nicht wirklich mein ganzes leben lang irgendwelche rollen. habe genug davon. ich will niemandem wehtun... nun ja, mal sehen was die zukunft birgt ...“
Oh schöne Zukunft, was bringst du uns? Dein ölgetränktes Wasser hat etwas Köstliches an sich …
Notizbuch, halb eingebrannt in ein Cafétischchen:
„mir ist kalt. entsetzlich kalt. es friert in allen winkeln meiner seele. es stinkt nach verfall und tod. nach ewigem tod. bitterkeit nimmt mich zu sich auf, und tränkt mich mit sünde und hass ... speist mich mit kapitulation und boshaftigkeit ... ich lebe noch, aber wie, und wie lange, und darf ich denn nun gehen, und wenn, dann wie, und wohin, und mit wem ...“
Ja, du darfst gehen. Ob du das wirklich wolltest?
Schulheft, von der Straße gesammelt:
„… ja, das ganze leben ist für mich eine große herausforderung, mal schauen was passiert, mal sehen wie es weitergeht - aber ohne SINN gibt es auch keine MOTIVATION. und mein sinn ist die liebe ...“
Wieder lachen. DAS passiert. SO geht es weiter. Verdammt. Sinn und Motivation … hast du jemals gelebt?
Notizen auf einer Reclam-Ausgabe von „Angst“ von Stefan Zweig. Das Buch unlesbar, aber die letzte Seite mit Filzstift bearbeitet…
it was the trigger.
he was passing by, just looking at me.
my eyes hung on his. i couldn't have looked away. i didn't even recognize myself looking at him. i don't know what it was that i saw in his amazing eyes, but it chained me to him in this very moment. he din't look away, too. i don't know why... but every single time when he watches me now, i remember this crazy thing and hope, that he meant what i thought him to mean. every time when his glance is on me, i feel a hot punch to my heart - or something like it. is it really my heart ...?
cowardliness is the worst of all sins.
afterwards you condemn yourself for everything you haven't done or said.
but now it's too early for you, isn't it?
you think you can wait ...
you know you can't
Ha, wenigstens mal eine schöne Einsicht. Warten kann man durchaus, aber – ob es sich auszahlt? Nicht, dass einem alle Pläne von ein paar Nuklearsprengköpfen mal so eben weggepustet werden …
Tut mir Leid, liebe Zuhörer, ohne Zynismus kann ich diese Zettelchen nicht vortragen. Es ist so lächerlich und so schade … und so unverständlich
„das ziel, das ich in meinem leben gesetzt habe, ist - die wahrheit zu finden. die welt zu retten. menschen zur vernunft zu bringen, ihnen zu helfen. wie kann ich mich also hier hineinstürzen? mit welchem recht bin ich plötzlich so anspruchsvoll und egoistisch? muss es mir nicht egal sein, ob es jemanden gibt, der mich liebt?
ich bin verrückt ... das ist alles“
Weltrettung! Toll. Gescheitert. Oder vielleicht ist gerade diese Person hier, deren Gekritzel ich einem Notizblock entnommen habe, verantwortlich für ein solches Ende. Das ist womöglich die Vernunft, die sie der Menschheit auferlegen wollte – danke sehr!
Im Pfarrhaus eingesammelt … Notizen eines Priesters, „Das Ende eines Moralapostels“:
„sünde hin oder her, gut oder schlecht, ethisch und moralisch oder kindisch und leichtsinnig, vernünftig oder verrückt, normal oder krank - wen kümmert's schon? wozu noch haltung bewahren und an etwas festhalten, was man nicht ist, was man nie war, wozu sich selbst belügen und sich weiß kleiden, obwohl man bereits schwarz ist?“
Ich weiß nicht genau, wo ich das herhabe … Aber es zeugt zumindest von der Fähigkeit des Urhebers, sich vor Verblendungen zu bewahren:
es tut mir leid, aber
wir bestehen nicht nur aus helligkeit
das licht ist wertlos, wenn es keine
finsternis gibt
und wenn wir uns immer nur im
licht begegnen
werden wir uns fürchten
in der dunkelheit
voreinander
deshalb
bitte, komm rein
und zeige mir
dich
Nun ist Dunkelheit. Wie schade, dass niemand da ist, den ich wenigstens fürchten könnte …
Das spricht mir in letzter Zeit aus der Seele … aber vor dem Weltuntergang hatte es eigentlich noch keine Existenzberechtigung. Solange man das Leben hat, weiß man nicht, was damit anfangen …
wir werden uns nie verstehen. wir leben in verschiedenen welten, wir leben in illusionen und erfindungen. wir sind nur willkürlich zusammengewürfelte moleküle und charktereigenschaften, wir sind nichts. gar nichts. welchen sinn macht es, dass ich in dieser welt lebe? dass ich etwas aus meinem leben mache? dass ich mich weiterhin bemühe, zu leben? nicht nur zu existieren, sondern zu leben? was soll ich mit diesem zweideutigen geschenk des lebens, in dem man keine freunde, keine verbündete haben kann, sondern sich immer nur auf den tod zubewegt, und sich ab und zu einbildet, man wäre etwas besonderes, etwas außergewöhnliches, etwas wichtiges? warum muss man denn jeden begriff definieren, bevor man ihn einsetzt? warum gibt es überhaupt begriffe? ohne begriffe - gäbe es da liebe, freundschaft? ohne sprache - gäbe es verständnis, zusammenhalt, vertrauen? wie will man jemanden kennenlernen, in sein inneres blicken, sein eigenes inneres offenbaren, wenn man nicht redet? sind wir deshalb menschen? weil wir reden, weil wir sprache beherrschen? vielleicht sollte ich verstummen. überhaupt nicht mehr reden, und sehen ob sich mein charakter dann von alleine stabilisiert. sollte er doch, oder? nicht mehr nachdenken. nur reagieren. handeln, nicht handeln, sein, nicht sein, null oder eins, an oder aus.
Schweigen … gute Lösung. Solange es Menschen gibt, die einen hören könnten. Ich führe lieber weiterhin meine Selbstgespräche.
Flaschenpost aus dem weiten Ozean. Eingelullt in eine schmutzige Chardonnay-Weinflasche. Wen sollte dieser Brief wohl erreichen?
u know what time it is? no? how could u. it’s about eleven fifteen , soon it will be midnight. what am i doing here? just sitting and thinking about the world. i can think best when i write, so i write now. i write in english, cause that’s the way i concentrate. okay, i’m thinking about my life, about things, which went wrong because i couldn’t do something, i wasn’t strong enough or just was too lazy to do it. i also think about things i never did because i feared something (like drinking, smoking, taking drugs ... perhaps i’ll start?) . i remember all the people i never talked to, all the things i never tried. i remember standing on the edge someday, ready to jump, but at last being afraid and ... staying alive. i tried to go crazy, to become mad, ill - and perhaps, this time i succeeded. it’s good that u don’t see it.
There’s nothing inside of me, no luck, no happiness, no hope, nothing. It’s just fear, fear that i will disappoint all the people who want me to reach something great. i don’t feel anything but hate, hate for myself. i don’t see anything but a way into the void. i don’t hear anything but the laughing and the talking of other people, people who are lucky, who don’t matter about nothing, who just live and ... die. and i can’t.
i feel like ... immortal, but i don’t want to be. and i know u can’t help me. i can’t stay, and i’m too weak to die. so what? what shall i do?
I’m not asking u, i ask myself. but i don’t get any answer. i got not a bit of freedom, because i would like to give it all to someone who needs this kind of life, but i can’t. i would like to throw it all away and to disappear somewhere. i don’t need money, state, society. but perhaps u need me.
I’m a slave of my own foolishness. and perhaps i will stay it forever. but ... how long must this "forever" be?
Wie pathetisch ... Ob das wohl auch ein Abschiedsbrief sein sollte? Ob sich da wohl jemand ertränkt hat? Unsterblichkeitsfantasien …
Ein ganz toller Fund: Direkt aus der Schreibmaschine eines Schriftstellers, der sich am Tag Zero unbedingt in den Garten begeben musste, um den großen Knall zu bestaunen. Seine Pantoffel habe ich vor seiner Garage gefunden …
dieser text hat keinen sinn
was ohne sinn beginnt, kann nicht einen sinn verliehen bekommen
determination oder nicht, aber freiheit gibt es keine
vielleicht freiwillige determination?
schreiben ist sich selbst lesen und neu zusammensetzen. verstehe ich was ich schreibe? verstehe ich mich oder andere? niemanden. nichts.
ich sitze allein zu hause und warte. noch etwa zwanzig minuten, dann kommt sie wieder heim. ob mein tod meinen texten mehr gewicht verleihen würde? wird er es? wovor habe ich angst? vor vielem. insbesondere vor meinen eigenen lügen. vor den dingen, die ich verberge, weil sie schmerzen. vor gedanken, die wie knochenbrüche in meinem geist existieren. lächeln - das zerbricht. ich mag es nicht. mag nicht, wenn ich mein gehirn laufen lasse, meine gedanken alles dürfen. dafür ist der mensch nicht geschaffen. er muss sich unter kontrolle halten, er muss beherrschen - nur sich selbst. meine beherrschung schwindet mit dem ersten krümel an freiheit. in übermäßigem glück kommt die dunkelheit und nimmt das schöne mit. ohne metapher, einfach so. auf einmal denke ich etwas schlechtes, es denkt sich von selbst, ich tue jemandem weh und dann schüttele ich den kopf und tränen treten in die augen. ich will nicht, aber ich kann mir kaum verbieten zu denken ... meine liebe ist unverständlich. kenne ich sie überhaupt? ich kann es nicht sagen. ich kann nicht hingehen und sagen - ich liebe euch alle, tut mir leid dass ich es immer für mich behalten habe. tut mir leid dass ich immer schweigen werde. weil ich schweigen muss. felsbroken schmeiße ich da aufs papier. rohmaterial. egal. ventile verstopft, ich habe alle schönen worte aus den ärmeln geschüttet, sie sind weg. sie gelten nicht mehr.
ich kann nicht wirklich lieben. nicht bis zum schluss. es sind alle gefühle in mir, alle die es gibt, die menschen verwirrt haben, die sie begleitet, belohnt, bestraft haben. es sind vielleicht mehr als 108. und alle hinter meinem damm. wie in china. wenn der bricht, ändert die welt ihre achse. wenn er bricht, fließe ich aus mir und verschwinde. für immer.
Schriftsteller … überhöhtes Selbstwertgefühl. Warum halten sie sich immer für etwas Besonderes? Warum glauben sie, sie könnten die Weltachse ändern? Sinnlose Kreaturen … sinnlos wie ihre Texte … sinnlos wie ihr eigener Tod.
Der nächste Text gehört scheinbar einem Musiker, habe den Zettel neben einer Gitarre in einer kleinen Vorstadtwohnung gefunden.
mein gesicht ist aufgedunsen von den subkutanen maskenschichten, ich mag mich nicht mehr im spiegel sehen. ich weiß nicht wo ich hinsehen soll. das lächeln ist blind, die augen gefüllt mit unnützer leere.
und der schmerz? je mehr mir etwas wehtut, desto intensiver schlage ich darauf ein. bis ich es nicht mehr spüre. bis es abstirbt. dann suche ich weiter, suche gründlich, worüber ich weinen und schreien kann. und dann schreibe ich es auf. und schlage.
ich habe nichts in mir. keine identität. kein eigenes gesicht. keine seele. ich brauche nur drei dinge. den tee, um meinen körper warm zu halten. die musik, um die welt mitsamt ihren gefühlen nicht aus den augen zu verlieren. und das schreiben, um mich teil für teil auseinanderzunehmen, wie ein altes gewehr, und zu putzen, zu restaurieren, aufzupolieren. doch was tut man gegen rost? gegen verfall?
der gärtner kann gegen die dornen nichts tun. der gärtner sieht nicht, was in der erde liegt. er sieht nicht, was darauf wartet, zu erwachen und aufzublühen.
ich suche nach dem vollkommenen. ich suche nach dem perfekten. doch ich weiß dass es hier nicht zu finden ist. wie kann es denn auch? in dieser welt? und wenn ich es finde - es wird mich nicht brauchen.
Ein Prä-Abschiedsbrief. Eine Warnung? An wen? Gekritzelt auf eine Zigarettenpackung – so klein, dass ich es mit Lupe lesen musste:
“just go. go and let me die here. forget me, forget what i've said. i don't know what i do. i never knew and i won't know it ever. i'm just a silly person in a silly world - no, in a big, grave world where everyone has his place - just me, i have no. does it matter to me? no. i'm strong, i'm alone, always keep control, always keep cool... one day, i will lose it. but that day is not today. if i knew that i had to die tomorrow, i wouldn't change anything. i would live on, like i did before. then, next day, i would be free. free forever, straight on the way to the eternal infinity of space... the chains are casted, my mind has won that struggle... but also that day is not today.”
that day was yesterday...
„Ja, der Körper ist ein Gefängnis, ein Kerker für die Seele. Der Mensch lebt, um nicht zu sterben, er lebt, um zu essen, und um sich fortzupflanzen. Wenn er nicht an eine Seele in sich glaubt, die nicht sterben kann, ist sein Lebenssinn - Erfahrungen sammeln, glücklich sein, sein Wissen weitergeben. Er gibt es weiter und stirbt, sein Kind nimmt das Wissen an, gibt es weiter, stirbt ... eine unendliche Kette, mit sinnloser Länge, sinnloser Farbe ... Wo liegt der Sinn eines seelenlosen Menschen? Wo ist der Sinn eines Menschen, welcher seinen Körper als Fessel an diese unbeständige, vergängliche Welt erkannt hat und sich nichts sehnlicher wünscht, als sich davon zu lösen?“
Wie wir nun sehen können, sind die Gefängnisse leer. Ob die Seelen etwas mit ihrer gewonnenen Freiheit anfangen können? Ich neige zu Zweifeln …
Eine wichtige Betrachtung, aus einem Schulheft:
Komisch, oder? Jetzt sind wir Menschen, Wesen mit Bewusstsein, mit Ansprüchen, mit Fähigkeiten. Wir haben unsere Probleme und unsere Glücksmomente, wir hassen und wir lieben. Und irgendwann, ganz unerwartet, da liegen wir in der Erde, unsere Haut verrottet, das Fleisch verwest, unser schönes Gesicht, das jemand geliebt, geküsst, gestreichelt hat, wird von Würmern zerfressen, unsere Form zerbröselt, und es bleibt nichts übrig als ein Schädel und ein Haufen Knochen. Und die Erinnerung an einen Menschen – eine Erinnerung, die ebenfalls bald stirbt. Wer erinnert sich heute noch an meine Ur-ur-ur-ur-ur-Großmutter? Hier auf der Erde hat diese Existenz außer ein paar zusätzlichen Menschen kaum Spuren hinterlassen.
Jetzt sitzen wir da und lernen, bemühen uns, folgen selbstaufgestellten Gesetzen und Wegen. Wir glauben, das Richtige zu tun, Wichtiges zu tun, dabei wissen wir gar nicht, woran wir sind. All unsere Probleme machen wir Menschen und selbst. Sie sind nicht einfach da – wir erschaffen sie. Ist es nötig?
Und ich will sie lösen. Ich will schreiben – die einzige Möglichkeit, seine Gedanken weiterzugeben. Schreiben. Sonderbare Welt. Ist es eigentlich falsch, auch noch zu lieben?
Bis auf die letzten paar Sätze durchaus einsichtig. All diesen Weltprobleme-Löser habe ich keine einzige Lösung für den jetzigen Zustand zu verdanken. Lösen, Lieben … Löst doch erst einmal eure Probleme, bevor ihr euch an die Welt macht. Und ja – es sind alles künstlich erzeugte Probleme. Wenn sich also jeder um seine eigenen Probleme gekümmert hätte …
Aber vielleicht ist ja genau das passiert …
Aus den Überresten eines Theaters, lag in der Schublade in einem Raum für Schauspieler:
Wenn ich spiele, dann spiele ich zum Selbstschutz. Mein Charakter lässt nur Aspekte durchscheinen, die ich bearbeitet oder erstellt habe, um von anderen Aspekten abzulenken, um diese zu verschleiern. Wie schwach wären wir, wenn wir nicht lügen dürften! Eine bloßgestellte Menschheit, die zunächst sich selbst akzeptieren müsste, die ihre eigene Nacktheit zu ertragen gezwungen wäre, ohne sich mit Farbe anschmieren zu können - doch wir brauchen Stärke, nicht wahr? Wir brauchen sie, auch wenn sie erfunden, aufgesetzt, gespielt ist. Wir wollen siegen über unser Unwissen, schließen die Augen und fallen in einen Traum von Freiheit, Ungezwungenheit, wir sehen nicht mehr, wo wir uns befinden, sehen nicht den Spiegel, vor den wir anhand unserer Vernunft gekettet sind ...
Die Wahrheit würde uns vernichten. Sie würde unsere sorgfältig geschnitzten, geschnittenen, geformten und bemalten Masken abblättern, Schicht für Schicht. Sie würde unsere wahren Gesichter präsentieren, und wir wären schockiert über die Hässlichkeit der blassen, aufgrund von Sauerstoffmangel unterentwickelten Kindergesichter. Wir könnten nicht glauben, dass wir es sind. Auf einmal bekämen wir Angst - Angst, dass uns so niemand sehen will. Alleine stehen wir vor unserem Spiegel und ziehen an unserer Haut herum, streichen spröde Haarsträhnen hinter die Ohren, drücken die nach unten gekrümmten Mundwinkel in Richtung Nase und flüstern einen Hilfeschrei in die unerwartete, kalte Leere unserer Augen.
Meine innere Wut über mich selbst ist nichts wert. Sie wird nichts ändern, sie ist nicht echt. Der Haß auf meine Schwäche sehnt sich nach der Lüge der Vollkommenheit. Er sehnt sich nach der Maske, in der er sich früher als kleiner, anonymer Punkt verstecken konnte. Ich kann meine wahre Gestalt nicht lieben, und ich weiß, dass kein anderer Mensch sie jemals lieben wird, da niemand sie je zu Gesicht bekommen kann.
Tja … gelebt und geliebt als eine Figur, gestorben als ein Unbekannter. Lüge verspricht Sicherheit, Nebenwirkung: Einsamkeit …
Ein handgeschriebenes Gedichtband hat mich mit folgender Bekenntnis versorgt:
ich habe zu oft geweint
zu selten geschrieen
mich zu oft verflucht
zu selten geliebt
zu oft resigniert
zu selten gekämpft
vielleicht sogar noch nie
noch nie mich dagegengestellt
gegen einen trieb oder die versuchung
ich habe immer nachgegeben
allem
und jedem
ich habe noch nie selbstständig gehandelt
mich immer treiben lassen
von den wellen meines kleinen abhängigen lebens
aber es gibt immer noch nichts
das mich überzeugt
es zu
ändern
Lachen zum Dritten … Du hättest in die Zukunft blicken müssen, armseliges Geschöpf, doch diese Option stand nicht zur Wahl … Ich nehme an, du vermisst nicht besonders viel …
Traurige Situation: Selbstmord, vielleicht keine halbe Stunde vor dem Weltuntergang. Hat sich erschossen … und einen aufschlussreichen Brief hinterlassen:
In Anbetracht der höheren Umstände möchte ich Ihnen hiermit mitteilen, dass ich die Zugehörigkeit zu dieser, wenn auch nicht ganz unbequemen, jedoch höchst unlogischen und beschränkten Gesellschaft kündige. Wenn Sie diese von mir getroffene Entscheidung als Unfug abzuwehren gedenken, so muss ich Sie darauf hinweisen, dass mir in diesem Staat höchstes Recht zur Meinungsfreiheit und Individualität gemäß den Menschengrundrechten von Geburt an zusteht. Deshalb protestiere ich nun mit diesem Brief gegen die in diesem Land vorherrschenden Zustände in Hinblick auf das geistige Niveau der Gesamtbevölkerung. Da ich künftig nicht vorhabe, weiterhin von den positiven Aspekten dieser Gesellschaft zu profitieren, so wie die öffentlichen Zugänglichkeiten zu nutzen, wünsche ich von allen Pflichten, Steuern und sonstigen Zahlungen - Schulpflicht eingeschlossen - entbunden und aus der "Existenzliste" gestrichen zu werden.
Ich werde mich in Kürze nicht mehr in diesem Land befinden und auch sonst keinem Staat meine Zugehörigkeit erklären, denn ich erfahre in Anbetracht der bereits unter diesen Menschen verbrachten Zeit keine ausreichende Entwicklung, sondern hingegen eine Abstumpfung, Verzweiflung und Verwirrung meinerseits und finde keine Möglichkeit zur Verbesserung und Beeinflußung meiner menschlichen Umgebung. Wenn Sie imstande sind, den Sinn dieses Textes klar zu erfassen, so wissen Sie sich meinen Respekt zugeschrieben. So werden Sie sicher nichts dagegen haben, meine Forderungen - soweit Sie diese noch im Gedächtnis halten - widerspruchslos zu erfüllen.
Mit logischen Grüßen,
Ihre nicht ergebene X.X.X.
Immerhin hat sich da jemand entschieden, anstatt abzuwarten. Und einen Schluss daraus gezogen und gehandelt. Respekt …
Aber vielleicht wusste sie zu viel, die Person, die das schrieb. Denn als ich in ihren Papieren stöberte, fand ich das hier…:
DAS GESCHENK
als der himmel explodierte, war es ungefähr 12 uhr mittags. das bunte spektakel gefiel den kindern, die vor ihren häusern spielten; sie ließen alles fallen und starrten mit glänzenden augen nach oben, manche drehten sich im kreis und streckten ihre kleinen zeigefinger hoch über ihre köpfe, aus ihren kehlen kamen begeisterungskrächzer und freudenschreie. die mütter, väter und älteren geschwister waren in den häusern, sie steckten in kleiderschränken, lagen unter den betten oder kauerten in übriggebliebenen ecken. der himmel explodierte ziemlich langsam - so schien es den kindern. zunächst zwei rote risse, aus deren schnittpunkt eine staubige blaurote substanz kam und sich durch ihre umgebung fraß; die stücke himmel, die nicht davon betroffen waren, fingen zu splittern an, und bald regnete es scherben, die im flug ständig ihr wesen änderten - mal waren sie schwarze teertropfen, brühend heiß, glänzend, lichtaufsaugend, dann drehten sie sich und versprühten diamantenähnliches feuer, brachen die lichtwellen und färbten die gesichter der faszinierten kinder nach regenbogenart. hätte ein erwachsener das geschehen beobachtet, es wäre ihm vorgekommen, als ätze sich die hölle ins paradies und verwandle die engel in gedankenlos staunende beobachter. es gab jedoch keinen erwachsenen in der nähe - keinen, der seine unermeßliche angst vor dem nichts hätte überwinden oder wenigstens bewußt erkennen können. und wozu auch? die kinder brauchten keine umschreibung, keine erklärung. sie ließen sich von diesem zauber umhüllen und befanden sich in einem zustand der höchsten zufriedenheit. zum ersten und zum letzten mal in ihrem wunderbar sonderbaren kleinen leben.
der tod erreicht nur den, der sich vor ihm fürchtet. die kinder empfingen ihr letztes geschenk mit offenen armen, mit offenen augen. bedingungslos akzeptierten sie die entschuldigung des lebens. und sie erreichten in diesen wenigen momenten mehr, als es ein erwachsener jemals gekonnt hätte. sie lebten - jetzt ...
Das letzte Stückchen meiner Ernte. Ich weiß nicht, wie ich das kommentieren soll … es ist nichts weiter als ein weiterer Text über die eigene Nichtigkeit. Die Menschen schienen daran erkrankt zu sein wie an einer Seuche, all dieses Gerede von Nichts und Tod und Sinnlosigkeit. Wahrscheinlich ahnten sie die Zukunft in ihrem Unterbewusstsein, oder aber sie haben sie verursacht … wer weiß.
i don't feel anything. not the slightest guilt. i only fear that my life is a complete waste of time and resources. it's good for nothing. but i still cling to it. i'm still trying.
i can't do all the things i'm expected to. but ... anyway i'm pretending. i keep pretending till the very end.
i have no feelings inside of me. not a single one.
i don't like other people being hurt by a misunderstanding. or me hurting them intentionally. but ... everything seems fair to me. i seem to play all the time. i seem to act, to invent me, my character, to set up faces and words and actions ... i'm a fraud, a cheap little fraud. what should i do about it?
should i do anything anyway?
have you created me for something good, God? have you given me this life as a present? do you think i can use it properly? can do something good? can ... develop? not only understand, but deeply acknowledge all the experiences and ... do something ... act somehow ...
i don't know myself. i can't live in a world full of people. when they're around me, i feel sick and weak. when i was on my journeys, i felt strong. i knew exactly what to do. i felt happy.
but now ...
i'm only wasting time. that's all.
wasting time.
cold inside, like a piece of ice. like the coldest place on earth. it's easy doing bad things and laugh. it's hard doing bad things and pretend being good. and smile and lie to yourself.
yeah, i lie to myself. i always did. maybe i like it. it makes me feel so ... comfortable
verdammt. nein, die leere wird nicht gehen. sie ist mir angeboren, ein bestandteil meiner natur. ich lebe als ein wesen ohne liebe, ohne echten kern in mir. ich lebe für die einsamkeit. warum schreibe ich mich auf?
ich müsste einfach weggehen. hätte schon längst müssen. was hat sich verändert? nichts. nur die leere ist größer geworden. die leere und das abstoßende gefühl, das ich habe, wenn ich unter menschen bin. menschen um mich, die ich nicht kenne. die ihre eigenen leben leben, die versuchen, sie in einem gemeinsamen punkt zu konzentrieren. in einer sprache, in einer stadt, in einer einrichtung oder denkweise. ich habe nichts mit ihnen gemein. ich will fort von ihnen. ganz weit fort. ich will nicht mit hineingezogen werden. das ist nicht gesund. das macht schwach, es macht verrückt, es verändert den eigenen geist. ich will meinen geist aber nicht von dummen tricks anderer menschen verändern lassen! raus da! lasst mich in ruhe!!
ich kann ohne euch. ich muss. ich muss hier einfach weg. nichts leichter als das, nicht wahr. nichts könnte einfacher sein.
nur - jetzt? oder später?
wann?
das leben könnte schon morgen vorbei sein ...
wie lange darf ich noch zögern?
wieviel zeit bleibt mir noch, Gott?
wieviele erkenntnisse liegen noch für mich bereit, in deiner handfläche? wann kann ich endlich meinen mund halten und lächeln?
wann darf ich endlich schweigen ...
das echte in mir kann ich nur entdecken, wenn alles andere abgeblättert ist. alle normen und ketten, die um mich gelegt sind. dann erst werde ich wissen, wie betäubt ich wirklich bin.
es sieht so sehr nach planvollem vorgang aus ... als würde jemand irgendwo sitzen und an einem joystick herumspielen ... und die menschen taub und dumm machen. kalt und leer. lieblos. oh ja, vielleicht ist da wirklich jemand. aber das ist mir egal. ich werde nicht so wie all die anderen. man kann mich nicht manipulieren.
MAN KANN NICHT!!!
ich wehre mich
mit aller kraft
ich wehre mich
Wie interessant … Das Leben, steht da, könnte morgen schon vorbei sein. Für diesen Menschen ist es bereits vorbei – hat er erreicht, was er erreichen wollte? Hat er sich gewehrt? Wie lange hat er gezögert? Wann begann er, zu schweigen?
Jetzt schweigt er. Und mit ihm die gesamte Menschheit. Nur ich bin noch hier, und ich stehe vor denselben Problemen. Aber sie scheinen nichtig, warum sollte ich auch etwas ändern, da draußen ist nichts und niemand, der mich reflektieren würde… Zumindest weiß ich, dass mein Leben jederzeit vorbei sein könnte. Ich verliere mich nicht in Illusionen, ich bleibe nüchtern.
Ich lebe noch ein bisschen. Und sende Radiowellen durch die verstrahlte Luft hinaus in die tote Welt. Ich trinke noch ein bisschen Tee und lege Musik auf – mögen Sie Pink Floyds „Hey You“?
Sie haben keine Wahl.



